Wer denkt, dass ihn bei Nele Neuhaus viertem Krimi die Adaption eines modernen Märchens erwartet, der merkt schnell, dass er auf dem Holzweg ist. Die Autorin, die bereits seit ihrer Kindheit schreibt, hat in ihren Geschichten ein Ermittlerteam lebendig gemacht, dass sich mit der Lösung abstruser Kriminalfälle beschäftigt. Dabei erwartet den Leser hier kein Großstadtflair sondern ländlich, sittliche Problematik, die vor allem in dem neuesten Werk des Schneewittchentodes mit der dörflichen Gemeinschaft konfrontiert, die den Menschen keinen Fehler je wirklich verzeiht.
Tobias, einst Abiturient mit Einser-Schnitt und Aspirant auf einen Studienplatz in Medizin, endet im Gefängnis, als zwei jugendliche Dorfschönheiten sterben. Die eine – Laura, wird tot aufgefunden doch Stefanie, Opfer Nr. 2, bleibt spurlos verschwunden.
Warum ausgerechnet er als einziger Kandidat für dieses Tötungsdelikt in Frage kommt, scheint ihm auch nach der abgesessenen Gefängnisstrafe von 10 Jahren nicht klar zu sein.
Zunächst wird er von seiner Sandkastenfreundin Nadja, inzwischen ein gefeierter Schauspielstar, vor den Toren der Haftanstalt empfangen. Doch schnell stellt er nach der Rückkehr ins Dorf fest, dass nicht nur sein Leben in Schutt und Asche liegt – auch die Eltern konnten nach der Verurteilung des Sohnes nicht mehr in der Dorfgemeinschaft und im partnerschaftlichen Leben miteinander Fuß fassen. Das alles ahnt Tobias jedoch bei seiner Entlassung noch nicht, weil die Eltern es ihm verschwiegen haben.
So ohne soziales und familiäres Gefüge und in der Gegenüberstellung mit einer hasserfüllten Dorfgemeinschaft erwartet er nicht mehr viel vom Leben. Und als dann wieder ein Mädchen verschwindet, beginnt die zu erwartende Hexenjagd auf Tobias.
Dies konzentriert sich aber schnell auch auf die Menschen, die er liebt, denn ein Unbekannter greift seine Mutter an und schon bald ist für das Ermittlerduo nicht mehr sicher, ob damals der richtige Mörder gefasst wurde oder der Fall eine falsche Bewertung erhielt. Das ändert nichts an Tobias Lage, denn einmal gesessen, denken viele nur an den Ex-Sträfling als möglichen Wiederholungstäter.
Der Leser hingegen stellt immer wieder fest, dass der eine oder andere ebenfalls mit einer nicht ganz blütenreinen Weste ausgestattet ist und die dörfliche Maskerade zerbröselt nach und nach. Dadurch kommt der Leser aber dem wahren Täter keinen Schritt näher und die Geschichte bleibt spannend bis zum Abgesang des Buches “Schneewittchen muss sterben”..
Dass dabei auch die privaten Lebensumfelder der Polizisten überaus detailgetreu gezeichnet werden und ein menschliches Bild vermitteln, ist ein weiterer Pluspunkt für die „Schreibe“ von Nele Neuhaus. Hier paaren sich emotionale Einblicke, interessante Charaktere und ein spannungsgeladener Erzählbogen zu einem lesenswerten Kriminalroman und machen Lust auf mehr aus Nele Neuhaus Feder. Diese findet sich so gänzlich in den dörflichen Charakter des Spielortes ein, dass man merkt, wie geläufig ihr selbst ein solches Leben ist.
Wer das Buch “Schneewittchen muss sterben” also einmal in Händen hält, der tut gut daran nichts Wichtiges mehr vorzuhaben, weil sich der Drang immer weiter zu lesen, nur schwer unterdrücken lässt.
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Nele Neuhaus’ neuer Krimi: „Schneewittchen muss sterben“...
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